Und man darf sagen, dass
dieses Leben, so wie van Eeden es darstellte, die Grenzen eines
Botanikerdaseins ganz neu definierte: "Wer schlendert hier Hand in
Hand durch Paris?", heißt es da auf einer der Bildunterschriften:
"K.M. Wiegand und Rita Hayworth glauben sich unbeobachtet." Und ein
paar Blätter weiter: "Unmittelbar nachdem sie Karl Wiegand
geheiratet hatte, mußte Elizabeth Taylor ins Krankenhaus ein-". Dann
bricht der Satz ab, und unter der nächsten Zeichnung steht: "U. S.
COMMANDER in the Pacific, Admiral K.M. Wiegand directs a defense
force of 373,000 men." Außerdem gewinnt Wiegand Boxmeisterschaften,
leitet Hochgebirgsexpeditionen, malt (lange vor Pollock) die Gemälde
von Jackson Pollock, er schreibt Bücher, ist Diplomat, Mitglied im
Bund Deutscher Architekten, und die rechte Hand von Al Capone ist er
auch.
Mit anderen Worten: Wahnsinn,
der Mann. Es ist die Art von Leben, wie sie, außer in den Köpfen von
elfjährigen Jungs natürlich, nur bei den Superhelden im Comic und im
Kino vorkommt. Aber Marcel van Eedens Zeichnungen dazu zeigen Männer
mit Adornobrillen wie aus Werner Höfers Politischem Frühschoppen,
sie zeigen Fünfziger-Jahre-Bauten, und sie zeigen immer wieder
Bahnhöfe, einrollende Lokomotiven, Züge, Gleise, Dampf, Kraft,
Schicksal.
Es war die Arbeit, in der die
Berlin-Biennale vom letzten Frühjahr vielleicht am meisten zu sich
selbst kam, in ihrer Freude am Geschichtenerzählen, ihrem Hang zum
Nostalgischen, ihrem diskreten Voyeurismus und milden Humor. Und es
war der Durchbruch für Marcel van Eeden. Sein "Wiegand" hängt heute
bei Ingvild Goetz, also in einer der bedeutendsten Privatsammlungen
Deutschlands, und an van Eeden herrscht weit über die engeren
Grenzen der Kunstbetriebsberichterstattung hinaus ein Interesse, das
ungewöhnlich ist für Künstler, die dermaßen unkünstlerhaft
bescheiden auftreten. Es sieht ganz so aus, als sei der Mann aus Den
Haag im Augenblick ganz wortwörtlich everybodys darling; es sieht so
aus, als hätte ausgerechnet er die magische Formel gefunden, wie man
sie alle gleichzeitig glücklich macht, die Bilderfresser und die
Bilderskeptiker, die schwelgerischen Augenmenschen und die
unduldsamen Theoriemönche. Denn die Kunst des Marcel ist beides:
charmant erzählerisch und von eisiger konzeptioneller Strenge.
Marcel van Eeden empfängt in
einer echt winzigen Hinterhofwohnung im Osten von Berlin, wo er,
ebenfalls seit etwa einem Jahr, meistens wohnt. In dieser Klause
sitzt er also und zeichnet. Jede Nacht mindestens ein Bild. Immer
auf 19 x 28 cm. Immer mit fettigen Grafitstiften der Marke Nero,
immer, weil er Rechtshänder ist und sonst mit dem Handrücken alles
verschmieren würde, von links oben nach rechts unten. Wenn es fertig
ist, wird das Bild sofort ins Netz gestellt. Das tägliche Bild auf
www.marcelvaneeden.nl ist gewissermaßen so etwas wie ein Blog, und
zwar im Augenblick vermutlich der einzige, in dem keine lebenden
Personen beleidigt werden. Denn das Entscheidende ist: Marcel van
Eeden zeichnet ausschließlich Fotos und Bilder ab, die vor 1965,
seinem eigenen Geburtsjahr, entstanden sind. Auch die
Bildinschriften stammen allesamt aus Quellen, die älter sein müssen
als er. Das ist die wichtigste, die eherne Regel. Denn aus Angst vor
der Zeit, in der er mal nicht mehr sein wird, beschäftigt sich van
Eeden schon aus therapeutischen Gründen mit Zeit, in der er noch
nicht war. Seine Grundidee fußt auf der alten schopenhauerschen
Einsicht, wonach auf die Frage nach dem Tod nur geantwortet werden
kann, dass sich dessen Erfahrung für den Einzelnen vermutlich
genauso anfühlen wird wie die Zeit vor der Geburt. Das nehme, so van
Eeden, die Angst und mache froh.
Als Betrachter kann man das
nur bestätigen. Nicht, dass van Eeden der erste Künstler wäre, der
sich Gedanken gemacht hat über das Dasein und das Nichtdasein, und
nicht dass er der erste Künstler wäre, der das Phänomen der Zeit mit
rigorosen Exerzitien durchmessen hätte, ganze Stränge der
Konzeptkunst leben seit den sechziger Jahren davon. On Kawara mit
seinen Datumsbildern, Roman Opalka oder Hanne Darboven mit ihren
rigorosen Zahlen: alles Werke von überwältigender Erhabenheit und
Stringenz. Aber wenn man mal ehrlich ist: übermäßig viel Schaulust
oder gar Spannung kommt da nicht unbedingt auf. Und das ist bei
Marcel van Eeden eben anders. Die Konvolute von Fotos, die er aus
alten Büchern und Zeitschriften schneidet, aus vergilbten Ausgaben
von "Paris Match" oder von "Kristall", sind an sich schon von
Interesse, weil ja ohnehin gilt, dass nichts spannender ist als die
Zeitung von gestern, außer vielleicht die Zeitung von vorgestern.
Und am spannendsten ist letztlich immer noch die Finsternis, in der
scharfe Lichtstrahlen herumtasten. Alles wird sofort zum Standbild
eines Film noir. Sofort trieft alles vor "Suspense". Frauen im
Halbdunkel. Hochgeschlagene Kragen. Männer, von denen anzunehmen
ist, dass sie die Zigarette nicht aus dem Mundwinkel nehmen werden,
während sie ihr Magazin leerballern. Aber auch nächtliche
Fünfziger-Jahre-Architekturen, heutige Konsens-Bausünden im
Augenblick ihres zukunftsseligsten Gutgefundenwerdens. Und wenn van
Eeden in der schematischen Abzeichnerei all dessen vor allem eine
Metapher für das Leben sieht, welches nämlich auch vor allem im
"sinnlosen Duplizieren von Vergangenheit" bestehe, dann ist das nur
die halbe Wahrheit, denn wo die Spotlights auf den alten Bildern die
Dinge aus dem Dunkeln holen und dauernd die Spitzen von emotionalen
Eisbergen aufblitzen lassen, geht van Eeden beim Kopieren den
umgekehrten Weg, schraffiert alles zu, verdeckt, schwärzt und stößt
die Figuren und Szenen sozusagen wieder zurück in ihr
existentialistisches Nichts. Marcel van Eeden ist, wenn man so will,
der letzte große niederländische Caravaggist.
Dann erst greift van Eeden zu
den Schriftschablonen, die ihm sein Vater, der Vertreter für
Architektenbedarf war, hinterlassen hat, und setzt mit
nachdrücklichem Stift den Text ins Bild, am liebsten Deutsch, weil
Deutsch mit seiner Großschreibung und den Umlauten ein schöneres
Schriftbild ergebe als zum Beispiel das effiziente Englisch. Bei der
aktuell in Berlin gezeigten Serie "Celia" sind es Passagen aus
Robert Walsers "Spaziergang", aus "Latste Daagen", dem Roman eines
vergessenen niederländischen Expressionisten, aus Eliots
"Cocktailparty", woher auch die titelgebende Celia stammt, und aus
der sogar das Leben K.M. Wiegands in den Schatten stellenden
Autobiographie des Hochstaplers und Lebenskünstlers Jack Bilbo. Die
Zuordnung geschieht nach dem Zufallsprinzip. Weiter offen könnte die
Text-Bild-Schere auch bei den berüchtigten Bildunterschriften im
"Spiegel" nicht sein. Aber gerade so entstehen Momente von
bestürzender Poesie. Es ist vor diesem Zyklus wie in einem Film von
David Lynch, nur dass die Bilder nicht am Betrachter vorbeilaufen,
sondern umgedreht.
In Tübingen wird van Eeden
jetzt eine Serie über einen weltreisenden Archäologen zeigen. Und
später soll auch Wiegand wieder auftauchen, und noch später sollen
alle diese Serien und Zyklen zusammenfinden zu einer einzigen
auswuchernden Großerzählung. Und spätestens dann werden vielleicht
auch die Literaturkritiker alle Marcel van Eeden lieben, so wie
jetzt schon die Filmkritiker, und die Freunde der Konzeptkunst und
die der virtuosen altmodischen Bleistiftzeichnung, "auf der man
wenigstens noch was erkennen kann", sowieso. Und weil Marcel van
Eeden weiß, dass man sich gegen so viel Zuneigung auf dem modernen
Kunstmarkt zur Wehr setzen muss, hat er jetzt schon mal eine Serie
mit Schimpfworten für das Stedelijk in Amsterdam angefangen: "Fuck
you" steht auf einem der ersten Blätter. Selbstverständlich ein
Zitat. Von Henry Miller.
PETER RICHTER
Ab 2. Juni in der Kunsthalle
Tübingen; "Celia" ist noch bis zum 16. Juni in der Galerie Zink in
Berlin zu sehen.